Formen des Ichs

Veröffentlicht am 16. Februar 2026 um 00:56

Vom Denken zum Spüren - über Autor:innen, Generationen und die Sprache des Selbst. Eine Geschichte des Ichs.

 

Jede Zeit hat ihre eigene Art, über sich selbst zu sprechen. Manchmal erkennt man sie an den Sätzen, die bleiben: an ihrer Haltung, ihrem Atem, ihrer Distanz. Von Max Frisch über Martin Sutter bis zu Kim de l’Horizon – vielleicht ist das auch eine kleine Geschichte des Ichs. Eine Bewegung vom Denken zum Spüren, vom moralischen zum leibhaftigen Selbst. Jede Epoche scheint mit einer anderen Art von Innerlichkeit zu leben – und zu schreiben, geprägt von ihrer Zeit, von gesellschaftlichen und politischen Strömungen.

Max Frisch dachte das Ich – er wollte verstehen, wer wir sind.  Er schrieb in einer Welt, die sich gerade neu erfinden musste. Er wollte wissen, wie man wahrhaftig lebt, wenn alles wankt. Seine Sätze sind Versuche, Ordnung in ein zerbrochenes Ich zu bringen – nüchtern, ernst, wach für Verantwortung.

Martin Sutter inszenierte das Ich – er machte das Ich zur Bühne. Er schrieb von einer Welt, die längst geordnet war. In Bars und Businesslounges glänzten die Oberflächen, die Figuren wussten, wie man funktioniert. Seine Sprache war elegant, kontrolliert – eine Form von Schönheit, die Distanz braucht, um nicht zu zerfallen.

Dann kam eine Zeit, in der man wieder mehr spüren wollte. Es geht nun weniger um Rolle und Pose als um Resonanz und Verbindung. Distanz dient hier nicht der Abwehr, sondern lässt Raum, damit etwas anklingen kann. Das Schreiben selbst wird wieder zu einer Haltung: weniger Selbstinszenierung, mehr Resonanzarbeit – ein Lauschen, das der eigenen Zeit ein Echo geben will, nicht, um zu glänzen, sondern um zu verstehen.

Kim de l’Horizon verwandelt das Ich – löst Ich-Grenzen auf, lässt sie atmen, fliessen, Gestalt wechseln. Die Grenzen scheinen durchlässiger zu werden. Das Ich wird flüssig, der Körper selbst zur Sprache. Identität ist kein Fixpunkt mehr, sondern ein Prozess, ein Werden. Die Distanz hat sich verwandelt in Durchlässigkeit. Diese Durchlässigkeit ist zugleich Ausdruck und Inszenierung einer Identität, die sich nicht mehr festschreiben lässt.

Vielleicht erzählt diese kleine Linie von Frisch bis de l’Horizon nichts anderes als die Geschichte einer Welt, die sich langsam vom Denken zum Spüren bewegt – vom moralischen Ich zur leibhaftigen Erfahrung. Wichtig scheint mir beides: die Klarheit des Kopfes und das Zittern der Haut – damit wir uns selbst nicht verlieren im Lärm der Zeit.

Betrachtet man die Linie von Frisch bis de l’Horizon zeigt sie auch eine Bewegung, die weit über Literatur hinausreicht: vom Wiederaufbau zur Selbstvermarktung, von der Selbstvermarktung zur Selbstsuche, von der Selbstsuche zur Selbstauflösung. Eine Welt, die einst nach Ordnung und Wahrheit suchte, entdeckt heute die Vielstimmigkeit des Lebens – und die Zerbrechlichkeit des eigenen Ichs im globalen Ganzen. Was früher Pflicht und Haltung war, wird heute zu Resonanz und Verantwortung.

Vielleicht ist das eine neue Form von Aufklärung: nicht nur Vernunft, sondern Verbundenheit.
Eine Welt, die lernt, das Ich nicht zu verlieren – gerade indem es durchlässiger wird.

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