Warum wir Feste feiern

Veröffentlicht am 7. Februar 2026 um 11:27

Nach den Festtagen ist vor den Festtagen. Feste rhythmisieren unser  Jahr und markieren Übergänge.


Über den Verlust gemeinsamer Rituale

Zu den bekannten Festen im Jahreslauf kommen persönliche Höhepunkte dazu wie Geburtstage, Hochzeiten oder, am Ende des Lebens, die Beisetzung. Diese besonderen Tage haben kulturelle, religiöse oder gesellschaftliche Hintergründe; oft haben sie sich gegenseitig beeinflusst. Weihnachten etwa geht ursprünglich auf die heidnische Wintersonnenwende zurück und wurde erst im 4. Jahrhundert als christliches Fest eingeführt.

Mit dem Rückgang religiöser Bindungen und dem Wegfall von Grossfamilien werden viele Traditionen durchlässiger oder gar brüchig. Weihnachten schrumpft vielerorts auf ein gemeinsames Nachtessen, manchmal noch mit Geschenken, die ihrerseits zunehmend mehr in Frage gestellt werden. «Ich brauche nichts mehr, ich habe ja alles», hören wir immer öfter.

Unsere Feste geben Halt und Orientierung – und dienen als Atempausen im dichten Arbeitsalltag. Wer freut sich nicht über verkürzte Arbeitswochen oder verlängert die Ferienzeit geschickt mit Brückentagen?

Feste stiften Gemeinschaft
In Zeiten zunehmender Einsamkeit ist das kein Nebenaspekt. Auch wenn man sich dabei mit dem schenkelklopfenden Onkel oder der tratschliebenden Cousine auseinandersetzen muss – was zugegebenermassen nicht immer leichtfällt. Unser Toleranzvermögen wird geprüft, wenn wir uns ausserhalb der eigenen, sorgfältig kuratierten Bubble bewegen. Doch lernen wir nicht gerade innerhalb der Familie mit den Ecken und Kanten von anderen umzugehen? Und wünschen uns dabei heimlich, dass die eigene Schrulligkeit ebenfalls kommentarlos hingenommen wird.

Auch Abschiedsrituale bei Todesfällen werden zunehmend reduziert oder fallen ganz weg. Gerade in der Trauer kann ein festgelegter Ablauf Sicherheit geben. Wer möchte sich schon um Formen und Abläufe kümmern, wenn der Verlust eines geliebten Menschen alles überdeckt? Das gemeinsame Abschiednehmen kann ein Gefühl von Getragen sein vermitteln – manchmal dient es, um schwierigen Abschieden einen versöhnenden Ton zu geben.

Rituale als Entwicklungsrahmen
Nicht zu unterschätzen ist der Wert vom rhythmisierten Festjahr für die Kinder. Rituale sind ein wesentlicher Teil ihrer Entwicklung. Sie begleiten unser Erwachsenwerden und sind Anker unserer Erinnerungen. Ich denke gerne daran zurück, wie mein Vater den Osterhasen anrief, um zu fragen, in welchem Wald er die bunten Eier und Schokoladenhasen versteckt habe. Mein Sohn stellt sich – und seiner Freundin – noch heute, in einem Alter, in dem er längst allein wohnt, frische Blumen und Herzen aus bunten Schokolinsen auf den Geburtstagstisch.

Was uns heute trägt
Ich will mich hier nicht als Kulturpessimistin aufspielen. Ich schreibe hier nicht aus Sehnsucht nach früher, sondern aus der Frage heraus, was uns heute trägt. Es fällt mir auf, dass wir alte, vielleicht einengende Traditionen gerne über Bord werfen, dass aber oft eine Leerstelle zurückbleibt. Es scheint uns schwerzufallen, diese Momente mit sinnstiftenden, verbindenden Formen zu füllen, die zu unseren heutigen Lebensweisen passen. So erklärt sich auch, warum Übergänge zunehmend individuell bewältigt werden – oft mit Hilfe von Konsum, Ablenkung oder Selbstoptimierung. Das sind allerdings schwache Trostspender in Schwellenzeiten.

Wer hält heute die Formen, die uns durch Übergänge tragen?
Vielleicht liegt eine der Herausforderung unserer Zeit nicht darin, alte Formen loszulassen, sondern darin, neue bewusst zu gestalten. Rituale entstehen nicht von selbst. Sie brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen – nicht aus Autorität, sondern aus Beziehung.

Diese Verantwortung zeigt sich nicht nur in grossen kulturellen oder religiösen Zusammenhängen. Sie beginnt oft im Kleinen: dort, wo Übergänge gestaltet, Anfänge markiert und Abschiede gemeinsam getragen werden.

Es ist an der Zeit, uns der Bedeutung von Festen neu bewusst zu werden – und diesen kulturellen Formen wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken: in überlieferter und in neu gefundener Gestalt.

 

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