Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht

Veröffentlicht am 10. Juni 2026 um 09:49

Viele Menschen leiden nicht nur an einem Problem, sondern an der Überzeugung, längst weiter sein zu müssen.
Eine Gedankenfuge über Entwicklung, Geduld und das Vertrauen in langsame Prozesse.

Über Entwicklung, Geduld und das Vertrauen in langsame Prozesse

Dieses (afrikanische?) Sprichwort kommt mir in meiner Arbeit immer wieder in den Sinn. Viele Menschen kommen in die Beratung oder in Supervisionen nicht nur mit einem Problem, sondern mit einem zweiten, versteckten Problem: «Ich/Es müsste längst weiter sein».

  • Die Trauer müsste vorbei sein
  • Die Trennung müsste verarbeitet sein
  • Das Team müsste sich eingespielt haben
  • Der Kunde müsste das können/wissen/kennen
  • Das Projekt müsste erfolgreicher sein

Oft entsteht ein grosser Teil des Leidens nicht durch die Situation selbst, sondern durch den Kampf gegen den eigenen Entwicklungsrhythmus. Denn die eigentliche Botschaft vieler Beschleunigungsversuche ist ein Imperativ: «Es» sollte schon weiter sein.

Und das übersetzen wir dann gerne mit: Mit mir oder mit dem Gegenüber stimmt etwas nicht. Niemand käme auf die Idee, an einer Tomate zu ziehen, damit sie schneller rot wird. Bei Menschen tun wir es erstaunlich oft.

Der Mensch neigt dazu, die Entwicklung beschleunigen zu wollen.
Doch was verlieren wir, wenn wir der Entwicklung nicht vertrauen?

Wer der Entwicklung nicht vertraut, beginnt oft zu ziehen, zu drängen und zu korrigieren – und verliert dabei den Blick für das, was bereits wächst. Wachstum ist oft zuerst unsichtbar. Dieses «Vorschuss-Vertrauen», dass wir da benötigen, scheint uns oft schwer zu fallen. Vertrauen ist nicht dasselbe wie Hoffen. Vertrauen entsteht oft aus Erfahrung. Aus der Erfahrung, dass Entwicklung Zeit braucht. Entwicklung folgt nicht primär unseren Erwartungen, sondern ihrer eigenen inneren Logik. Vieles wächst lange, bevor es sichtbar wird. Es scheint, dass wir als Gesellschaft ein schwieriges Verhältnis zu Zeit entwickelt haben. Und manches wird gerade deshalb stabil, weil man nicht daran gezogen hat.

Wir haben unglaublich viel Wissen über Effizienz entwickelt. Aber vergleichsweise wenig Geduld für Reifungsprozesse. Dabei sind gerade die wichtigsten Dinge oft Reifungsprozesse:

  • Elternschaft
  • Freundschaft
  • Trauer
  • Identität
  • Kreativität
  • Kultur
  • Führung
  • Lernen

Wir behandeln viele dieser Prozesse, als wären sie Projekte. Mit Zielen, Meilensteinen und Zeitplänen. Doch Entwicklung folgt selten einem Projektplan. Sie verläuft oft schubweise, macht Umwege, braucht Pausen und Zeiten, in denen scheinbar nichts geschieht.

Vielleicht liegt genau darin ihre Eigenart. Und ihre Würde.

Eigentlich ist es kein Spruch über Gras.
Es ist ein Spruch über Zeit.

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