Eine Kindheitserinnerung aus dem Emmental
Der Duft meiner Kindheit war Silage im Herbst.
Gerüche lassen sich schlecht festhalten.
Man kann sie kaum beschreiben – und erkennt sie doch sofort wieder.
Sommer
Der Sommer roch anders, nicht warm und weich. Der Schulweg verlief ein gutes Stück entlang der Strasse. Trottoir gab es keine und so lief ich am Strassenrand dem Kuhdraht entlang und zupfte an den Gräsern, die auf die Strasse ragten.
Die Sonne brannte heiss auf den Feldweg. In der Mitte wuchs Kamille und links und rechts ebeneten Fahrrinnen den Weg. Unter meinen Schritten knirschte das Kies.
Mein Schulweg.
Der Sommer war grasiggrün – und manchmal roch die Strasse nach dem heissen Teer oder Petrichor. Später dann auch nach Chlor und Pommes frites.
Aber hier, im Dorf am Eingang des Emmentals, gab es keine Badi. Unsere Sommer verbrachten wir zwischen hohen Gräsern und in der Baumhütte oberhalb der Kiesgrube. Auf der kleinen Wiese neben dem alten Schiesstand spielten wir mit einer Schar Buben Fussball. Manchmal ärgerten wir die Bauern. Wir kippten ihre vollen Kartoffelsäcke aus, wenn sie am anderen Ende des Feldes die Kartoffeln von Hand aus der Erde puhlten. Dann schlichen wir durchs hohe Gras und versteckten uns schnell in der Baumhütte. Die Strickleiter wurde hochgezogen, als wäre es eine Trutzburg. Abends, dunkel nach Erde riechend und Grasflecken an den Beinen, mussten wir die dreckigen Schuhe draussen vor dem Eingang abstreifen und wurden gleich unter die Dusche gesteckt. Ein weiterer Tag draussen, ohne elterliche Aufsicht.
Herbst
Ein leiser, würziger Geruch lag in den Nebelschwaden über den sanften Hügeln des Emmentals. Nach dem goldenen ALtweibersommer folgten grautrübe Tage, die Wiesen noch saftig grün, auf den braunen Feldern standen die fahlen Stoppeln des Mais. In der Ferne klangen Kuhglocken. Am Obstbaum hing ein letzter Apfel, dunkelrot und schon etwas schrumpelig. Es duftete nach getrockneten Apfelringen, und der Rauch eines Laubfeuers strich durch die Nase.
Ein Mäusebussard zog seine Kreise über den Feldern.
Die trockenen Blätter, die auf dem Weg lagen, raschelten, wenn ich beherzt durch die Laubhaufen schritt. Ich freute mich an dem Geräusch und wirbelte sie alle durch die Luft.
Und manchmal liegt dieser Duft im Herbst heute noch immer in der Luft.
Winter
Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei oder ein Lastwagen mit seinem eigenen Parfum nach weiter Welt. Sonst war es still. Nur meine Gedanken durchbrachen die Einsamkeit des Schulwegs. Und der Schnee knirschte unter meinen Schuhen.
Die Luft war hell und spitzig. Es roch rein nach frischem Schnee, und der Morgen wurde von den ersten Sonnenstrahlen erhellt. Die Schneemassen glitzerten und funkelten, als wären sie mit Diamanten bestickt. Weit entfernt hörte ich ein paar Krähen palavern. Sie sassen auf den beiden Pappeln oberhalb der Kiesgrube, dort, wo auch die Baumhütte stand.
Doch im Winter, wenn der Schnee mir beinahe hüfthoch stand, gab es keine Chance, die Strickleiter zu erreichen und hinaufzuklettern. Es wäre dort oben, zwischen dem muffigen, klammen Teppich und dem alten Sofa, ohnehin viel zu kalt gewesen.
Ich stapfte weiter, dick eingepackt in meine Skihose und mit der orangenen Sturmhaube, die immer diesen eigenartigen Geruch nach feuchter Wolle verströmte. Je näher ich dem Dorf kam, desto mehr roch die Luft nach Alltag: nach Holzfeuer, das durch die Kamine über das Dorf zog, oder nach frisch geschnittenem Holz, wenn in der Sägerei die Bretter hochgestapelt wurden.
Und wenn ich dann endlich die Schule betrat, nach einem langen Fussmarsch durch die kalte Winterluft, war da dieser feine, unverwechselbare Duft des Schulhauses.
Ich kann ihn bis heute nicht beschreiben.
Aber ich würde ihn sofort wiedererkennen.
Frühling
Frühling liess das Herz hüpfen. Es zog mich hinaus in den Garten. Die Meise sang vom nahenden Frühling, von helleren Tagen und spriessenden Gräsern, von Blüten und Blumen. Die Luft war schwer vom Parfum der rosa Bartnelken und der vielen majestätischen Iris, gefolgt vom eigenwilligen Duft des Blutjohannisbeerstrauchs.
Auf dem Schulweg, entlang der Kiesgrube, sah man über die Weiten des Emmentals bis zu den Alpen. Am Himmel türmten sich grosse, weisse Wolken. Als Kind stellte ich mir vor, der liebe Gott sitze dort oben und schaue uns beim Leben zu.
Die Wolken faszinierten mich immer. Wie es sich wohl anfühlt, wenn man dort oben in diesen weichen Gebilden sitzt? Manchmal konnte man fantastische Formen erkennen. Drachen, Krokodile und andere Ungeheuer türmten sich auf und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren.
Und der Weg, der unendlich weit erschien, war plötzlich zu Ende.
Ich betrat das Zuhause, wo das Mittagessen schon auf dem Tisch wartete.
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