Eine dünne Schicht Butter

Veröffentlicht am 13. August 2026 um 13:00

Der Krieg war vorbei, sagten sie. Doch mein Krieg hatte noch kein Ende.

Ich bin ein kriegsversehrter Krüppel. Gerade noch gut genug, um die Leute zu zählen,
die über die Brücke gehen. 

Für eine Statistik der Stadt. Zahlen, die nichts aussagen für einen Lohn, der die Butter aufs Brot streichen soll. Eine dünne Schicht Butter. Nach der Arbeit laufe ich an der Eisdiele vorbei und schaue mir ihre bunte Auslage an. Einmal wollte ich mir sogar eine dieser wunderbaren Massen leisten. Aber ein freches Kind drängelte sich vor und ich lief ohne Eis nach Hause.

Ich wohnte in der Burggasse, ganz hinten im Erdgeschoss. Die Wohnung ist auch im Sommer kühl, und im Winter qualmt der Kohleofen mehr, als dass er wärmte. Zu Hause koche ich mir eine Suppe und lege mich aufs Kanape. Die Zahlen des Tages wanderen durch meine Nächte - und manchmal auch die Eisdielenverkäuferin.

Manchmal besuche mich die Dame aus der Wohnung über mir. 

Ihr Gatte war nicht zurückgekehrt aus dem Krieg. Sie bringt mir ein Stück Zupfbrot vorbei und erzählt von den Schawinskys von nebenan, deren Mann die Frau ständig schlägt. Und von der Familie gegenüber, die mit der Tochter und dem kleinen Hund. Ihre Geschichten scheinen genährt von einer Quelle, die nie zu versiegen scheint.

Ich mag ihren Kuchen und das geblümte Kleid, dass ihr immer über die Knie rutscht. Inzwischen bringt sie auch Suppe und Brot. Letzten Herbst versorgte ich sie dafür mit Kohlebriketts und schichtete ihr den Vorrat im Keller auf. Mit der neuen Stelle, bei der ich die Fuhrwerke zählen würde, könnte ich 50 Gulden mehr im Monat bekommen. Sie meint, meine jetzige Stelle bei der Stadt sei etwas Besonderes.

Entstanden in Resonanz auf Heinrich Bölls Geschichte «An der Brücke»

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