Zwischen Eigenwilligkeit und Zugehörigkeit.
Eine Beobachtung über Bergdörfer, Fotografen und das Prinzip der Risikoteilung.
Eine Freundin von mir war vor vielen Jahren Pfarrerin in einem Bergdorf. Sie ist ein Paradiesvogel. Ich hätte erwartet, dass sie es dort schwer haben würde. Stattdessen schien sie im Dorf selbstverständlicher dazuzugehören als später in Zürich. Das hat mich lange beschäftigt.
Ich dachte zunächst, es liege an der besonderen Offenheit kleiner Lebensgemeinschaften. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr vermute ich, dass der eigentliche Grund ein anderer ist: Man ist stärker aufeinander angewiesen. Wer sich als sozial kompatibel erweist, bleibt Teil der Gemeinschaft – auch wenn er eigenwillig ist. Dadurch lernt man, mit Unterschieden zu leben, statt sie möglichst schnell auszusortieren.
Mittlerweile weiss ich, dass dieses Phänomen weniger mit dem Bergdorf als mit einer bestimmten Art von Gemeinschaft zu tun hat. Es begegnet mir genauso in urbanen Räumen – etwa in der Fotografenszene. Dort werden Objektive im Wert von mehreren tausend Franken an Berufskolleg*innen ausgeliehen, als wäre das selbstverständlich. Das setzt keine enge Freundschaft voraus. Es reicht, dass man sich kennt. Jeder weiss, dass er morgen auch auf Hilfe angewiesen sein könnte. Eine solche Haltung begegnet dort, wo Überfluss keine Selbstverständlichkeit ist. Aufträge, Beziehungen, Werkzeuge – und Menschen – sind nicht beliebig ersetzbar. Vielleicht entsteht gerade daraus jene Form gegenseitiger Unterstützung, die Unterschiede besser aushält.
Anthropologisch liesse sich dieses Prinzip als Risikoteilung beschreiben: Gegenseitige Hilfe wird dort wichtig, wo niemand sicher sein kann, nicht selbst einmal auf die Unterstützung anderer angewiesen zu sein.
Wo Menschen aufeinander angewiesen sind, wird Verschiedenheit nicht sofort zum Trennungsgrund.
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