Die Illusion des perfekten Rädchens

Veröffentlicht am 21. Mai 2026 um 18:34

Zwischen Selbstoptimierung und Kultur

In meiner Beratungstätigkeit begegnet mir immer wieder dieselbe Frage:
Warum geht es heute so vielen Menschen psychisch so schlecht? Haben wir tatsächlich mehr Krankheiten als früher?

Vielleicht nicht nur.

Aber wir leben in einer individualisierten Leistungsgesellschaft. Um mitzuhalten, versuchen wir, möglichst reibungslos zu funktionieren. Von der Ratgeberliteratur („In fünf Schritten zum Glück“) bis hin zu sozialen Medien („Mehr Energie durch die richtige Morgenroutine“) begegnet uns dieselbe Botschaft: Mach etwas aus dir. Werde besser, gesünder, effizienter, belastbarer.

Der Anspruch an das dauerhaft funktionierende Individuum ist zu einem modernen goldenen Kalb geworden. Er verspricht Entwicklung und erzeugt gleichzeitig Erschöpfung. Dabei sind viele Dinge, die zunächst hilfreich und fürsorglich klingen – Selbstfürsorge, Achtsamkeit, Resilienz oder die bewusste Gestaltung des Alltags – keineswegs falsch. Problematisch werden sie dort, wo sie zur Hauptantwort auf gesellschaftliche Überforderung werden. Wenn der erschöpfte Einzelne Yoga machen soll, um in einem überlasteten Arbeitsumfeld noch etwas länger durchzuhalten, verschiebt sich etwas. Verantwortung wird zunehmend individualisiert, während kulturelle Bedingungen aus dem Blick geraten. Dann wird Resilienz zur Burnout-Prophylaxe im Dienste der Produktivität. Das ist keine Fürsorge mehr. Es ist Systemerhalt auf Kosten der Gesundheit.

Gerade jüngeren Generationen wird heute oft mangelnder Leistungswille vorgeworfen. Mir scheint jedoch, dass viele von ihnen etwas Grundlegendes verstanden haben:  Sinnhaftigkeit, Flexibilität, Mitsprache und eine offene Fehlerkultur sind keine Wohlfühlthemen. Sie bilden die Grundlage tragfähiger Gesundheit.

Sinn bedeutet dabei mehr als persönliche Erfüllung. Er entsteht dort, wo Menschen sich als Teil eines grösseren Ganzen erleben. Wo Verantwortung geteilt werden darf. Wo reale Beziehungen tragen und wir uns nicht ausschliesslich über Leistung definieren. Wir brauchen Netzwerke im analogen Leben. Menschen, die bleiben. Räume, in denen nicht alles optimiert werden muss. Auch eine lebendige Fehlerkultur gehört dazu. Sie erkennt an, dass Erschöpfung, Fehler und Verletzlichkeit keine Störung des Systems sind, sondern Teil menschlicher Erfahrung. Dass Kolleg:innen andere Lebensrealitäten haben können – und trotzdem dazugehören.

Kultur erschöpft sich nicht im Output. Sie braucht auch Räume des Nichtstuns, der Reflexion und des scheinbar „nutzlosen“ Gestaltens.
Kultur zeigt sich nicht nur darin, was wir leisten.  Sie zeigt sich auch darin, wie wir Erschöpfung, Langsamkeit, Fehler oder Verletzlichkeit wahrnehmen – und wie wir darauf antworten.

Kultur beginnt dort, wo mehr entsteht als nur das Nötige.

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