Vom Wesentlichen und vom Wenigen

Veröffentlicht am 20. März 2026 um 07:30

Ist das Nötigste gesichert, beginnt Gestaltung.

Kürzlich habe ich in eine Survival-Sendung gezappt – 7 vs. Wild – und bin hängen geblieben. Was tun Menschen, wenn sie nichts haben ausser sich selbst?

Kein Internet, kein Handy, nicht einmal ein Buch. Kaum Ausrüstung. Sieben Menschen auf einer abgelegenen Insel in der Karibik.

Zuerst geht es um das Nötigste: eine Unterkunft bauen, Wasser finden, etwas Essbares auftreiben.

Doch sobald diese Dinge halbwegs gesichert sind, geschieht bei manchen etwas anderes.

Einer der Teilnehmenden beginnt, Dinge herzustellen – Werkzeuge, kleine Gegenstände, Schmuck. Aus einem Stück Bambus baut er eine Flöte. Eine andere richtet sich ihren Platz ein, zimmert sich einen Tisch, flicht Sitzmatten und ordnet ihre Umgebung. 

Auf den ersten Blick unnötige Dinge, wenn es nur darum geht, vierzehn Tage auf einer Insel zu überleben. Und doch sind es genau diese beiden, die am ruhigsten und stabilsten bis zum Schluss durchhalten. Nicht die, die am effizientesten überleben – sondern die, die beginnen, zu gestalten.

Darin zeigt sich etwas, das wir im Alltag leicht übersehen: Der Mensch ist nicht nur ein überlebendes Wesen, sondern ein gestaltendes. Sobald ein wenig Raum entsteht, beginnen wir zu ordnen, zu bauen, etwas Schönes zu machen, zu spielen. Vielleicht zeigt sich das nicht nur auf einer Insel, sondern überall dort, wo etwas mehr entsteht als blosses Funktionieren.

Vielleicht lässt sich das auch mit einem Gedanken von John von Düffel lesen:

«Das Wenige
ist die Methode
um das Wesentliche zu erkennen.
Wenn das Wenige dem Wesentlichen entspricht
ist das Glück.»

Wenn vieles wegfällt, bleibt nicht nur das, was wir brauchen. Es bleibt auch das, was uns Menschen ausmacht. Es scheint, als würde genau dieses Gestalten etwas stabilisieren, das über das blosse Durchhalten hinausgeht.

Eine Flöte. Eine geflochtene Matte. Ein kleiner Tisch.
Der Versuch, einen Ort, an dem man nur überleben müsste, langsam zu einem Ort zu machen, an dem man lebt.
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied.

Auch dort, wo Menschen nicht auf Inseln, sondern in ihrem eigenen Leben an Grenzen kommen, beginnt oft etwas Ähnliches. Nicht als Lösung. Eher als leiser Versuch, wieder in Beziehung zu treten – mit sich selbst, mit der Welt.

Ein Stück Ton.
Ein Satz auf Papier.
Eine Spur, die sich ordnet. 

Und die eigene Ordnung beginnt, sich neu zu finden.

 

Solche Räume haben auch einen Ort ⟶ Wortwerkstatt

 

Referenz

Von Düffel, John (2022): Das Wenige und das Wesentliche. Ein Stundenbuch. Köln: DuMont.

 

 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.