Der Kleinheitswahn

Veröffentlicht am 27. Oktober 2026 um 12:23

«Der Kleinheitswahn ist die Kehrseite der Narzissmus-Medaille»

Diesen Satz gab mir eine geschätzte Mentorin vor vielen Jahren mit auf den Weg. Und er lässt mich bis heute nicht ganz los.

Den blendenden Narzissmus erkennen wir meist rasch: Grosse Bühne, nach aussen unerschütterliche Selbstgewissheit, viel Lärm um wenig Substanz. Davor schrecken viele zurück. Gerade in helfenden, psychosozialen Berufen – und besonders unter gut ausgebildeten Frauen – begegnet mir häufig das gegenteilige Muster: Fleissig im Hintergrund wirken. Sich ja nicht zu wichtig nehmen. Lieber noch den dritten Konjunktiv einbauen, bevor man eine klare Haltung formuliert.

Doch ständiges Sich-Klein-Machen ist nicht dasselbe wie professionelle Demut. Es macht einen Menschen auch nicht per Definition zum Narzissten. Die Gemeinsamkeit liegt vielmehr in der übermässigen Beschäftigung mit der eigenen Wirkung: «Darf ich das? Wirke ich anmassend? Genüge ich überhaupt?»

Während die einen um Bewunderung kreisen, fürchten die anderen die Missbilligung. In beiden Fällen kann darüber die Sache selbst aus dem Blick geraten. Natürlich hat diese Zurückhaltung auch ihre Jahrhunderte alte Tradition. Wer gelernt hat, dass Bescheidenheit eine Tugend und Sichtbarkeit unerwünscht ist, legt solche Muster nicht so schnell ab.
Zudem ist nicht jedes Schweigen auch Ausdruck von Unsicherheit. Manchmal ist es eine bewusste Entscheidung.

Problematisch wird es, wenn Zurückhaltung dazu führt, dass vorhandene Kompetenz nicht zum Tragen kommt. Wenn Fachwissen nicht eingebracht und Widerspruch nicht formuliert wird. Wenn Entscheidungen jenen überlassen werden, die lauter auftreten. Dann ist das Sich-Klein-Machen nicht mehr nur eine persönliche Angelegenheit. Es hat Auswirkungen auf Teams, Organisationen und letztlich auf die Menschen, für die wir arbeiten.

Die gesunde Alternative ist weder Grössenwahn noch Kleinheitswahn. Es ist angemessene Grösse. Die eigene Kompetenz kennen, ihre Grenzen anerkennen und dort Position beziehen, wo es etwas beizutragen gibt.

𝗪𝗲𝗿 𝘀𝘁𝗮̈𝗻𝗱𝗶𝗴 𝗱𝗮𝗺𝗶𝘁 𝗯𝗲𝘀𝗰𝗵𝗮̈𝗳𝘁𝗶𝗴𝘁 𝗶𝘀𝘁, 𝘄𝗶𝗲 𝗲𝗿 𝘄𝗶𝗿𝗸𝘁, 𝘃𝗲𝗿𝗹𝗶𝗲𝗿𝘁 𝗮𝘂𝘀 𝗱𝗲𝗺 𝗕𝗹𝗶𝗰𝗸, 𝘄𝗮𝘀 𝗲𝗿 𝗯𝗲𝘄𝗶𝗿𝗸𝗲𝗻 𝗸𝗼̈𝗻𝗻𝘁𝗲.

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