Zeitlichkeit

Veröffentlicht am 30. Juli 2026 um 22:44

Kürzlich dachte ich an einen Supervisor zurück, den ich sehr schätzte.

Wenn wir ihm einen Fall schilderten, sass er da und hörte zu. Von einer anderthalbstündigen Supervision konnte gut eine Stunde vergehen, in der wir erzählten, was wir wahrnahmen, wie wir die Situation einschätzten und welche Fragen uns beschäftigten. Fast wirkte es, als hätte er unendlich viel Zeit.

Damals verstand ich nicht, dass diese Zeit bereits Teil der Supervision war. Heute denke ich, dass gerade darin seine Stärke lag. Er wollte die Landschaft nicht vorschnell deuten. Er liess sie sich erst einmal zeigen. In dieser Ruhe entstand ein Raum, in dem sich nicht nur unsere Wahrnehmung, sondern auch unser Denken zu verändern begann.

Seither frage ich mich manchmal, ob wir weniger an Zeitmangel leiden, als an einem Verlust von Zeitlichkeit. Denn manche Prozesse brauchen nicht einfach mehr Zeit. Sie brauchen eine andere Qualität von Zeit.

Vertrauen.
Trauer.
Verstehen.
Auch Kultur.

Sie entstehen nicht auf Knopfdruck. Sie entfalten sich, wenn wir ihnen erlauben, sichtbar zu werden – bevor wir beginnen, sie zu beurteilen oder zu verändern.

Vielleicht besteht eine der grossen Herausforderungen darin, nicht nur Zeit effizient zu organisieren, sondern Räume zu schaffen, in denen Wahrnehmen, Denken und Verstehen ihre eigene Zeit haben dürfen.

Uns mangelt es weniger an Zeit als an der Bereitschaft, Entwicklungen ihre eigene Zeit zuzugestehen.

 

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