Zwischen Erinnerung, Gemüsehallen und der Frage, wie Zeit vergeht.
Manche Gerüche tragen ganze Räume in sich.
Ein Blick auf violette Tomatenschachteln — und plötzlich ist sie wieder da: die Halle, das Fliessband, die gedehnte Zeit jener Monate.
Nie vergesse ich die freudige Aufregung in der Halle der Gemüseabpackerei, wenn der Chauffeur die Paletten mit Tomaten und Zucchetti ablud. Für einen Moment veränderte sich die Stimmung. Die Frauen am Band, eben noch müde und in ihre Handgriffe vertieft, wurden zu kichernden Mädchen. Es war eine willkommene Unterbrechung, ein kurzes Aufatmen in einer Arbeit, die sonst gleichmässig vor sich hinlief.
Ich stand am Fliessband und belud weiter kleine violette Kartons mit immer sechs Tomaten. Kaum hatte ich meine Arbeit begonnen, schaute ich auf die Uhr. Der Zeiger kroch schneckengleich über das Zifferblatt. Die Zeit bekam ihr eigenes Gewicht. Sie dehnte sich, kaum merklich, aber stetig. Die Frauen arbeiteten weiter, schnell und eingespielt, als hätten ihre Hände längst gelernt, was der Tag von ihnen verlangte. Ich erinnere mich, dass ich mich fragte, wer all diese Tomaten je essen sollte. Die Mengen schienen endlos, der Nachschub hörte nicht auf. Und wenn dann doch einmal die Tomaten verpackt waren, kamen die Zucchetti. Nie mehr ass ich soviel Ratatouille wie in jenen Monaten.
Wenn ich heute an den Regalen mit den Tomaten vorbeigehe und sie dort liegen sehe, in ihren violetten Schachteln, erinnere ich mich an diese monotone Tätigkeit und an die Frauen am Band. Immer dieselbe Bewegung: greifen, einlegen, weitergehen.
Geblieben ist mir dieses erste Aufsehen nach fünf Minuten. Dieses Gefühl, dass Zeit nicht einfach vergeht. Wie sie dort standen und pausenlos schufteten. Ich konnte jederzeit gehen. Und ich ging. Die Frauen blieben.
Und manchmal frage ich mich, ob es diesen einen Moment noch gibt – wenn ein Lastwagen vorfährt und für einen Augenblick etwas Leichteres durch die Halle weht.
Heute koche ich selten Ratatouille. Vielleicht, weil mir der Geruch zu nah an jene Halle rückt.
Lieber koche ich Ajapsandali, ein georgisches Gemüsegericht mit Tomaten, Auberginen und viel Dill.
Es braucht Zeit, aber eine andere.
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Ajapsandali
Auberginen anbraten in genug Olivenöl. Zwiebeln, Knoblauch und Tomatenmark zugeben und mit anbraten, danach mit frischen und/oder passierten Tomaten und viel süssen Peperoni ergänzen. Nach Bedarf Wasser beigeben. 40 Minuten schmoren. Mit Salz, Pfeffer, Chili und Bockshornklee abschmecken. Kartoffeln in Stücken beigeben und weitere 25 Minuten schmoren.
Wird kalt oder warm gegessen. Am nächsten Tag schmeckt es ncoh besser. Vor dem Servieren mit vielen frischen Kräutern garnieren (je nach Belieben Koriander, glatte Petersilie, Dill, Kerbel).