Der Duft meiner Kindheit
Gerüche lassen sich schlecht festhalten. Man kann sie kaum beschreiben – und erkennt sie doch sofort wieder.
Frühling liess das Herz hüpfen. Es zog mich hinaus in den Garten. Die Meise sang vom nahenden Frühling, von helleren Tagen und spriessenden Gräsern, von Blüten und Blumen. Die Luft war schwer vom Parfum der rosa Bartnelken und der vielen majestätischen Iris, gefolgt vom eigenwilligen Duft des Blutjohannisbeerstrauchs.
In einem Sommerkleidchen, fast noch etwas zu leicht für den kühlen Frühlingsmorgen, war ich unterwegs zu den Rosen, um unter ihren Wurzeln eine Bananenschale zu vergraben. Dünger für die Rosen – und davor eine Bananenmilch für uns Kinder. Ein seltener Hochgenuss.
Gemixt mit jenem Mixer, mit dem sich meine Mutter einmal in die Finger geschnitten hatte. Ich sehe sie noch auf dem Tabourettli sitzen: kreidebleich, die Hand voller Blut. Sie sagte, sie könne kein Blut sehen. Ein Umstand, der viel von ihr forderte, weil mein Bruder und ich uns in unseren Kindheitsjahren mehr als einmal stark blutende Kopfwunden zugezogen hatten.
Später, auf dem Schulweg entlang der Kiesgrube, sah man über die Weiten des Emmentals bis zu den Alpen. Am Himmel türmten sich grosse, weisse Wolken, und ich stellte mir vor, wie der liebe Gott dort oben sitzt und uns zuschaut, wie wir unser Erdenleben beschreiten. Irgendwann kommt das Jüngste Gericht – und er muss ja wissen, wie wir uns verhalten haben.
Die Wolken faszinierten mich immer. Wie es sich wohl anfühlt, wenn man dort oben in diesen weichen Gebilden sitzt? Manchmal konnte man fantastische Formen erkennen. Drachen, Krokodile und andere Ungeheuer türmten sich auf und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren.
Und der Weg, der unendlich weit erschien, war plötzlich zu Ende.
Ich betrat das Zuhause, wo das Mittagessen schon auf dem Tisch wartete.
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