Die teuerste Pause des Tages

Veröffentlicht am 19. Oktober 2026 um 12:08

Wenn Fachkräfte die Lücken des Systems bezahlen.

In meiner Zeit als delegiert arbeitende Psychologin gab es Tage, da standen zehn Konsultationen im Kalender. Und manchmal schlich sich am Morgen ein verbotener Gedanke ein: «Wenn heute jemand absagt, habe ich endlich 50 Minuten zum Durchatmen.»

Doch die Erleichterung währte selten lang. Denn sofort meldete sich die Realität: Ein No-Show bedeutete Lohnausfall. Die Pause, die ich brauchte, hatte im vollen Kalender kaum Platz.

Ich arbeitete mit vielen sozialpsychiatrischen Klientinnen und Klienten, die jeden Rappen umdrehen mussten. Wie stellt man jemandem einen ausgefallenen Termin in Rechnung, wenn der Ausfall oft direkt mit der gesundheitlichen Belastung zusammenhängt? Oft verzichtete ich deshalb auf die Verrechnung. Und plötzlich steckt man in einem absurden Dilemma: Man sehnt sich nach einer Pause, bezahlt diese Erholung aber mit dem eigenen Einkommen und plagt sich obendrein mit dem schlechten Gewissen, sich nicht «professionell genug abzugrenzen».

In Supervisionen begegnet mir diese Zwickmühle ständig: Fachpersonen im Sozial- und Gesundheitsbereich federn systemische Lücken regelmässig mit ihren eigenen Ressourcen ab. Mit unbezahlter Arbeitszeit, dem Verzicht auf Einkommen oder mit der eigenen Gesundheit. So wird das persönliche Gewissen der Fachkräfte zur stillen Reserve des Systems. Wo die institutionellen oder tariflichen Rahmenbedingungen nicht tragen, wird persönliche Fürsorge zum wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Bumerang. Doch die Verantwortung dafür reicht weit über die einzelne Institution hinaus.

Wie lange lagern wir als Gesellschaft strukturelle Lücken noch auf das persönliche Gewissen der Fachkräfte aus? Und was bräuchte es politisch, damit Menschlichkeit im System nicht länger privat subventioniert werden muss?

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