8 Zeilen balancieren die Pendenzenliste: Das Rondell

Veröffentlicht am 6. Oktober 2026 um 12:34

Vom Funkenflug zur festen Form: Wie ein Rondell den Kopf sortiert und das Herbstlicht rettet.

Auf der linken Seite des Notizbuchs drängen die Steuererklärung und offene Rechnungen, auf der rechten leuchten Quittenbaum und Herbstsonne. Dazwischen: eine Schreibwerkstatt. Ein kleiner Werkstattbericht darüber, wie aus einer strengen Gedichtform ein innerer Haltepunkt wird, wenn der Alltag laut wird.

Gedanken kommen selten ordentlich der Reihe nach. Sie springen, verhaken sich an Pendenzen, verlieren sich im Alltagstrubel oder reissen ganz ab. In meinen Kursen erkunden wir auch immer mal wieder, wie Schreiben zu einem solchen Haltepunkt im Alltag werden kann: nicht um „schön“ oder druckreif zu schreiben, sondern um dem Flüchtigen eine vorläufige Form zu geben.

Kürzlich in der offenen Wortwerkstatt: Die Aufgabe im Modul Kardieren klang einfach. Zwei Listen nebeneinanderlegen.

  • Was beschäftigt meinen Kopf heute? (Steuererklärung, Rechnungen, Beiträge, Termine).
  • Was ist gerade rund um mich herum? (Der Quittenbaum vor dem Fenster, warme Herbstsonne, eine Schale Äpfel).

Wenn man diese beiden Welten nebeneinanderstehen sieht, merkt man schnell, wo die Reibung entsteht. Pendenzen fordern laut ihren Raum – aber das Herbstlicht vor dem Fenster ist flüchtig. Es braucht eine bewusste Entscheidung, welchem Funken man gerade nachgehen will.

Die heilsame Strenge einer alten Form

Um das Wahrgenommene zu fassen, griffen wir zu einer strengen Form: dem Rondell. Ein Rondell besteht aus genau einer Strophe mit acht Zeilen. Keine Reime, dafür ein festes Wiederholungsmuster: Die erste Zeile kehrt in Zeile 4 und 7 wieder, die zweite Zeile bildet auch den Schlussakkord in Zeile 8.

Was zunächst nach einer starren Schablone klingt, erweist sich beim Schreiben oft als Erlösung: Weil die Form so viel Halt vorgibt, muss der Kopf nicht mehr alles selbst erfinden. Man legt die Worte hinein wie in ein Gefäss.

Aus dem Moment heraus entstand dieses Werkstattstück:

Herbstlicht bewahren

Das goldene Herbstwetter lädt ein.

Die milde Sonne wärmt mein Herz.

Das Herbstlicht wie Quittenkompott einwecken.

Das goldene Herbstwetter lädt ein.

Bevor der Winter mit eisiger Hand regiert,

hängt noch die Glut in den Zweigen.

Das goldene Herbstwetter lädt ein.

Die milde Sonne wärmt mein Herz.

Das Gedicht löst die Steuererklärung nicht. Aber es rückt die Verhältnisse zurecht. Schreiben hilft, Emotionen zu regulieren, dem Gedankenchaos eine Grenze zu setzen und das Erleben wieder zusammenzufügen. Schreiben ordnet. Nicht, um perfekt zu sein - sondern um sich selbst lesbar zu machen und im eigenen Tag zu verorten.

Die Quitten hängen noch am Baum. Aber die Sonne hat ihren Platz gefunden – auf dem Papier und im Kopf

 

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