Bahnhof der vergessenen Träume

Veröffentlicht am 17. September 2026 um 14:50

Von einem, der seine Träume nicht sehen konnte

Er stand da, der kleine Bahnhof. Verlassen wie ein abgewetzter Lederschuh. Der Zahn der Zeit nagte unaufhaltsam, die Fassade bröckelte da und dort. Die grün bemalten Laternenpfähle blätterten ab und die Bahnhofsuhr zeigte immer die gleiche Zeit an. Die meisten Menschen eilten vorbei, ohne von dem alten Gebäude Notiz zu nehmen.

Die Bahnhofshalle war leer, und wenn - was selten genug vorkam - jemand durch den Raum ging, hallten die Schritte lange nach. Hinten in der Halle gab es eine alte Holztür mit rostigen Scharnieren, die beim Öffnen ächzten. Sie führte zu einem grossen Lagerraum. Hohe Mauern mit meterlangen Regalen. Hoch oben im Giebel liessen zwei Fenster mit matten Scheiben etwas Licht in den Raum fallen. In den Regalen versammelte sich alles, was die Menschen vergassen, sobald sie ihre  Füsse am Morgen aus dem Bett streckten. Bunte Luftballons, ein altes Schaukelpferd, allerhand Gepäck und schwere Rucksäcke, aber auch Flugobjekte, Mordwaffen, fliegende Teppiche, Vogelkäfige, watteweiche Wolken in verschiedensten Schattierungen und andere seltsame Gegenstände. Auf einem der Regale sass sogar ein kleiner Pierrot mit schwarz-weissem Kostüm und Lackschuhen. 

Jeden Monat schlurfte der Bahnhofsvorstand a. D. auf seinem Kontrollrundgang einmal durch den Lagerraum, doch traf er immer dieselben leeren Regale an. Er mochte den staubigen Raum nicht. Er hatte ihn noch nie gemocht, und er war immer froh, wenn er wieder in die Vorsteherwohnung in der ersten Etage zurückkehrte. Er öffnete eine Flasche Bier und setzte sich damit auf das grüne Sofa, um im Sportkanal das nächste Fussballspiel anzusehen.

Früher, als die Züge auf ihrem Weg in die Hauptstadt an diesem Bahnhof einen Zwischenhalt einlegten, vergass er nie, die einfahrenden Züge mit einem Trillerpfiff anzukündigen und mit zwei kurzen Pfiffen wieder zu verabschieden. Damals, als junger Berufsmann, musste er auch die Bahnschranke bedienen, bis sie dann irgendwann durch elektrische Schranken ersetzt wurden. Später erhielt er zudem eine moderne Anlage, auf der er die Durchsagen über Lautsprecher auf das Gleis 1 senden konnte. Ohne ihn lief da gar nichts.

 Verspätungen kannte man damals noch nicht. Der Zug war immer pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Er war froh, dass er die heutige Schlamperei nicht erleben musste. Und trotzdem vermisste er die ein- und ausfahrenden Züge.Als er noch jemand war und stolz durch das Dorf schritt, da wusste jeder: das ist unser Herr Bahnhofsvorstand, der uns mit der weiten Welt verbindet. Einmal, zur Hochzeit seiner Schwester, reiste er selbst in diese Welt. Er nahm Urlaub, um in der Hauptstadt am Fest teilzunehmen. Und später, zu seinem 35. Berufsjubiläum, wurde er als langjähriger Mitarbeiter eingeladen, mit dem Nachtzug ins Ausland zu reisen. Er war aufgeregt gewesen und hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Er hörte dem monotonen Rattern des Zuges zu, während dieser Kilometer um Kilometer verschlang. Am nächsten Morgen kam er in der grossen Stadt an, deren Leute eine Sprache sprachen, die er nicht verstand. Er verbrachte drei lange Tage dort und war froh, als ihn der Zug endlich wieder an seinem Bahnhof ausspuckte.  Alle meinten, nach der Pensionierung könne er ja durch die Welt fahren. Er erhielt sogar ein Gratisabonnement zum Abschied – doch was sollte er an fremden Orten? Er blieb lieber hier, wo er die Sprache verstand und wusste, wo er sein Bier bekam und am Samstag beim Metzger eine Rostbratwurst vom Grill kaufen konnte.

Heute aber war kein Samstag, heute war der dreizehnte vom zwölften Monat. Der Nebel hing dick über dem Dorf und liess es nicht richtig Tag werden. Es war der Tag seines Kontrollganges. Der letzte in diesem Jahr. Er schlürfte einen weiteren Schluck des kalten Kaffees und schlug den Politikbund seiner Zeitung auf. Politik mochte er nicht, aber wenn er etwas Zeit hinauszögern konnte, war es ihm auch recht.

Die Sonne drückte sich langsam mit gleissendem Licht durch den Nebel und vermochte einen Schatten auf den Fliesenboden in der Küche zu werfen. Er holte tief Luft, faltete die Zeitung zusammen und stand auf. Der Bahnhofvorsteher a. D. trat in den Korridor, wo er in seine Schuhe schlüpfte und sich die abgewetzte Vorsteherjacke überzog. Das Emblem war veraltet, aber ihm gefiel dieses rot-blau gestickte Muster und der Stern, der darüber angenäht war. Ein Stern, den nur langjährige, verdiente Mitarbeiter erhielten. Er schloss sorgfältig die Türe hinter sich zu und schritt schwerfällig die knarzende Treppe hinunter.

Draussen vor der Tür biss sich die eisigkalte Luft im Hals fest und er beeilte sich, schnell die Türe zur Bahnhofshalle zu öffnen. Das Schloss war etwas eingerostet, doch der alte Mann liess sich nicht abhalten. Er kannte sein Schloss und wusste genau, wann er drücken und ziehen musste, damit es sich öffnen liess.  Er schaute sich in der Halle um und kurz erinnerte er sich an die Leute, die früher immer diesen Raum bevölkerten. Doch heute war es ruhig und man hörte nur seine Schritte, als er den Raum durchquerte. Er öffnete die Türe zum Lagerraum und drehte seine Runde. Hinten rechts, im Regal 7a, blitzte unerwartet etwas Rotes auf. Er schlurfte nach hinten, um zu sehen, was da lag. Da war doch sonst immer alles leer. Als er näher kam, entdeckte er einen alten Reisekoffer. Rot kariertes Schottenmuster. Oben verschlossen mit zwei Lederschnallen. Auch ein Lederanhänger hing daran. In schnörkelloser Schrift stand sein Name drauf. Der Bahnhofsvorsteher a. D. war irritiert. Woher kam der Koffer?

Er erinnerte sich nicht, jemals einen solchen besessen zu haben. Das Teil war hier jedenfalls falsch: Der Lagerraum hatte leer zu sein. Er nahm den Koffer an sich, verliess den Bahnhof und schloss akkurat ab. So wie er es die letzten Jahre immer tat. Danach stieg er die Stufen zurück in seine Vorsteherwohnung, wo in der staubigen Luft der Duft der Bratwurst von gestern Abend waberte und sich mit dem Pulverkaffee von heute Morgen vermischte.

Heute wollte er nicht fernsehen. Er setzte sich auf die Bettkante, öffnete den Koffer und fand darin ein altes Schulheft. Fein liniert. Vorne stand säuberlich in Schulschrift sein Name und darunter: «Deutsch. Aufsätze. 3. Klasse». Er begann zu lesen. Von längst vergangenen Sommerferien, vom Bauwerk der Römer, dem Limes, und der Güterzuglokomotive Reihe 50. Ganz hinten, auf einer der letzten Seiten, stand nur noch ein Titel: «Ich träume davon, einmal ….» 

Der alte Bahnhofsvorsteher blieb lange auf der Bettkante sitzen. Und vielleicht tanzte sogar ein schwarz-weisser Pierrot durch seine Gedanken.

 

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